Leben und Ende von Ernst Klipp
Zeitzeugnisse
Im Sommer 1944 ist Ernst August Klipp schon fünf Jahre von zu Hause fort und im Krieg an
der Ostfront. Seinen Gestellungsbefehl zur Wehrmacht hatte er im Oktober 1939 erhalten,
damals 23 Jahre alt. Er wurde zunächst der Infanterie-Panzer-Abwehr-Ersatz-Kompanie 58
zugewiesen.
Aber schon bald wird Ernst August Klipp abkommandiert: Die Wehrmacht vergrößert das
Heer, Vorbereitung auf den geplanten "Westfeldzug". Ernst August Klipp reist nach Schleswig,
wo die neue 340. Infanterie-Division aufgestellt wird. Er kommt zum Infanterie-Regiment
695 in der 340. Infanterie-Division.
Den "Westfeldzug“ beendet die Deutsche Wehrmacht Mitte 1940 siegreich. Im Januar 1941
wird Ernst August Klipp nach Frankreich kommandiert: Er bleibt mit der 340. Infanterie-
Division bis Anfang 1942 in Nordfrankreich als Besatzungstruppe stationiert.
An der Ostfront
Inzwischen hat die Wehrmacht im Frühsommer 1941 den "Ostfeldzug" gegen die Sowjetunion
eröffnet, das "Unternehmen Barbarossa". Nach anfänglichen Erfolgen kommt der Vormarsch
der deutschen Divisionen an der Ostfront im Winter 1941/1942 ins Stocken und dann zum
Stillstand. Überforderung, schlechte Ausrüstung für den Winterkrieg, lange
Versorgungswege haben die Kräfte der Truppen überdehnt.
Zur Verstärkung der deutschen Truppen an der Ostfront verlegt die Wehrmachtsführung im
Westen abkömmliche Einheiten an die Ostfront. Auch die 340. Infanterie-Division mit Ernst
August Klipp ist darunter. Im Mai 1942 wird die Division aus Frankreich an die südliche
Ostfront verlegt, in die Ukraine, in den Raum Kiew. Von dort geht es im Fußmarsch weiter
nach Osten bis an die Front bei Woronesch am Fluss Don.
Aus dem Vormarsch der Wehrmacht bis Ende 1941 wird ein mühsames Halten der Frontlinien
im Jahr 1942: Seit Dezember 1941 sind die USA an dem Krieg gegen das Deutsche Reich
beteiligt. Ihre militärische und vor Allem materielle Macht, die sie der Roten Armee zur
Verfügung stellt, bringt die Kräfte aus der Balance und die Deutsche Wehrmacht zunehmend
in den Nachteil.
Im Januar 1943 fällt Stalingrad an der Ostfront und leitet die Wende des Zweiten Weltkrieges
ein. In dieser Zeit muss auch die 340.Infanterie-Division mit Ernst August Klipp ihre
Verteidigungsstellungen weiter nördlich bei Woronesch am Don räumen und sich vor der
nachrückenden Übermacht der Roten Armee in ständigen Abwehrkämpfen nach Westen
zurückziehen.
Im Sommer 1944 bringen zwei militärische Großereignisse die deutsche Wehrmacht an der
Ostfront ins Wanken: Zeitgleich mit der Invasion der westlichen Alliierten an der
französischen Küste der Normandie greift die Rote Armee den Mittelabschnitt der Ostfront in
Weißrussland mit weit überlegenen Kräften an: Sie durchbricht die deutsche Front. Die
deutsche Heeresgruppe Mitte bricht zusammen und muss zurückweichen.
In der Folge ist auch der südlich anschließende deutsche Frontabschnitt nicht mehr zu halten.
Die deutschen Divisionen müssen sich kämpfend zurückziehen. Das gilt auch für die 340.
Infanterie-Division (sie ist inzwischen in 340. Grenadier-Division umbenannt) mit ihren Regimentern.
Im Juli kommt es zur Einkesselung des deutschen XIII. Armeekorps im Raum Brody in der
Ostukraine, nordöstlich von Lemberg. Sechs deutsche Divisionen werden von der an Personal
und Material weit überlegenen Roten Armee eingekesselt.
Auch die 340. Grenadier-Division mit Ernst August Klipp im Grenadier-Regiment 695 ist unter
den eingekesselten Divisionen bei Brody. Er ist inzwischen zum Stabsgefreiten befördert
worden, der höchste Mannschaftsdienstgrad der Wehrmacht, und dem Regiments-Stab
zugeteilt. Für seine außerordentlichen Verdienste im Krieg wurde ihm das Eisernen Kreuz 2.
Klasse verliehen und 1943 zeichnete ihn der Divisions-Kommandeur mit dem Eisernen Kreuz
1. Klasse aus.
In Gefangenschaft
In einem Ausbruch versuchen die eingekesselten Divisionen am 20. Juli 1944 den Fluss Bug zu
erreichen. Es misslingt. Nur wenigen Soldaten können entkommen. Ernst August Klipp ist
nicht unter ihnen: Seit dem 17. Juli 1944 wird er von seiner Einheit im Raum der Stadt
Kamionka am Bug vermisst. Tatsächlich ist Ernst August Klipp unter den 17.000 deutschen
Soldaten, die in diesen Tagen in sowjetische Gefangenschaft geraten.
Seit 1943 baut die Sowjetunion in den Gebieten östlich der Front, aus denen die deutsche
Wehrmacht zurückgedrängt ist, systematisch Kriegsgefangenenlager auf. Besonders in der
östlichen Ukraine, im Donezbecken, ist das seit den Ereignissen des Jahres 1944 der Fall. Hier
werden zehntausende deutsche Kriegsgefangene beim Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten
Kohlezechen, bei der Kohleförderung eingesetzt. Gleiches gilt für die zerstörte Schwerindustrie
und das zugehörige Straßen- und Eisenbahnnetz. Der Wiederaufbau des Donbas ist für die
Sowjetunion entscheidend für die Fortsetzung des Krieges gegen das Deutsche Reich.
Der große Bedarf an Arbeitskräften im Donbas führt zur Errichtung von bis zu 250
sowjetischen Kriegsgefangenenlagern mit je etwa 2000 Kriegsgefangenen, die zentrale
Verwaltungen organisieren und für laufende Auffüllung der Arbeitskräfte sorgen. Dazu
Kriegsgefangenenhospitäler und Arbeitsbataillone.
Eines dieser Lager ist das Kriegsgefangenenlager Nr.100 bei der Stadt Saporoschje im Donbas.
Saporoschje war von der Deutschen Wehrmacht von Anfang Oktober 1941 bis Mitte Oktober
1943 besetzt. In dieses Lager wird Ernst August Klipp am 20.8.1944 eingeliefert, 1 Monat nach
seiner Gefangennahme.
Das Kriegsgefangenenlager Saporoschje liegt etwa 80 km südlich von Dnjepropetrowsk am
Dnjpr-Bogen im Donbas. Der Lagerverwaltung in Saporoshje unterstehen etwa 20 Nebenlager
und das Hospital 1149. Das gesamte Lager ist mit etwa 30.000 Kriegsgefangenen belegt, die in
Großbaracken untergebracht sind.
Die Verpflegung der Kriegsgefangenen entspricht in keiner Weise ihrer körperlichen
Belastung: 12 Stunden täglich schwere Arbeit in Hochöfen, Walzwerken, bei Bauarbeiten,
Erdarbeiten am Stammdamm, Enttrümmerung, im Steinbruch und bei der Holzflößerei.
Heimkehreraussagen:
" Die Verpflegung im Donbas von September 1944 bis Dezember 1944 war so gering, daß eine
unheimliche Anzahl von Kriegsgefangenen verstorben ist. Es gab 600 Gramm Brot täglich, dessen
Empfang zeitweilig unregelmäßig war und mit halbtägiger Verspätung kam, das außerdem sehr
feucht war; das andere, 'Suppe' genannt, war Wasser und gab es dreimal am Tage, kalorienmäßig
völlig wertlos. So kam es, daß das starke Kaloriendefizit sich ziemlich abrupt auswirkte; nachdem
die Reserven aufgebraucht waren, setzte im September 1944 das Sterben ein .. In die dem Lager
angegliederten 'Lagerkolchosen' kamen fast ausschließlich körperlich Geschwächte, sogenannte
'Genesungskompagnien'. Die Arbeitszeit war hier unbegrenzt, da sie buchstäblich von Sonnen-
aufgang bis Sonnenuntergang zur Arbeit eingesetzt waren. So kam es, daß eine ganze Anzahl von
jenen gesundheitlich Geschwächten und zu langdauernder Feldarbeit Herangezogenen körperlich
schnell absackte und in schwerkrankem Zustand ins Lagerlazarette eingeliefert wurde. Der Anteil
der Schwerkranken war bei der Lagerkolchose um ein Vielfaches höher als im Lager selbst. Hinzu
kam als Unterkunft ein alter nach oben nicht abgedichteter Bunker, der durch Feuchtigkeit und Kälte
zusätzlich zu Erkältungskrankheiten dieser Geschwächten führte ..."
Die Überprüfung der Zustände in den Kriegsgefangenenlagern des Donbas durch russische
Kommissionen, der Austausch russischer Lagerkommandanten Ende 1944 bringt eine nur
vorübergehende Verbesserung der Ernährung der Kriegsgefangenen. Die mangelhafte
"Verpflegung" der Kriegsgefangenen mit ihrem starken Kaloriendefizit bleibt die Haupt-
ursache für zehntausende Sterbefälle im Lager, neben Erfrieren, Erschöpfung, Typhus,
Tuberkulose und Ruhr ... Begraben werden die Gestorbenen in Massengräbern, Einzelne auch
auf dem zum Lagerhospital gehörenden Friedhof.
Ernst August Klipp wird nach dem harten Winter 1944/1945 am 29.3.1945 in das Spezialhospital
Nr. 1149 des Lagers Saporoschje im Stadtbezirk Ordshonikidse eingeliefert. 2 Tage später stirbt
er hier am 31.3.1945. Als Ursache bescheinigt sein Totenzettel Dystrophie 3.Grades:
Ernst August Klipp ist verhungert.
Er wird auf dem Friedhof des Hospitals beerdigt, Grab Nr.118. Seine Familie zu Hause in
Schwalingen erfährt nichts von seinem Tod.
In Schwalingen
1949 erreicht die Familie Klipp in Schwalingen ein Brief. Darin erfährt sie von einem früheren
Kameraden, dass Ernst August Klipp als Kriegsgefangener im März 1945 in einem russischen
Lager an der Ruhr verstorben sei.
10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird Ernst August Klipp auf Antrag seines
ältesten Bruders Otto Klipp durch Beschluss des Amtsgerichtes Soltau im Dezember 1955 "für
tot erklärt". Alle Bemühungen seiner Familie in Schwalingen, seinen Verbleib zur klären,
waren vergebens geblieben. Als seinen Todeszeitpunkt setzt das Amtsgericht den 31.12.1945
24.00 Uhr fest.
Weitere 6 Jahre später, im April 1961, erhält die Familie Klipp in Schwalingen vom Standesamt
Neuenkirchen eine Sterbeurkunde ausgehändigt. Sie zeigt der Familie an , dass Ernst August
Klipp am 31.März 1945 "in der Kriegsgefangenschaft in der UdSSR" verstorben ist. Grundlage
ist die Mitteilung der "Deutschen Dienststelle in Berlin (WASt Wehrmachtauskunftsstelle) über
dieser Kriegssterbefall.
Anna Auguste Klipp, geborene Möhrmann, die Mutter von Ernst August Klipp, hat nun, 16
Jahre nach Kriegsende, endgültig Gewissheit über das Schicksal ihres Sohnes. Sie stirbt
82jährig im Juni 1963. Vater Jürgen Peter Christoph Klipp starb mit der bangen Ungewissheit
bereis 1 Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Mai 1946 mit 75 Jahren.
Das Denkmal
im Heidedorf Schwalingen