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- 2026
Leben und Ende von Ernst Klipp
Zeitzeugnisse
Im Sommer 1944 ist Ernst August Klipp schon fünf Jahre von zu Hause fort und im Krieg an der Ostfront. Seinen Gestellungsbefehl zur Wehrmacht hatte er im Oktober 1939 erhalten, damals 23 Jahre alt. Er wurde zunächst der Infanterie-Panzer-Abwehr-Ersatz-Kompanie 58 zugewiesen. Aber schon bald wird Ernst August Klipp abkommandiert: Die Wehrmacht vergrößert das Heer, Vorbereitung auf den geplanten "Westfeldzug". Ernst August Klipp reist nach Schleswig, wo die neue 340. Infanterie-Division aufgestellt wird. Er kommt zum Infanterie-Regiment 695 in der 340. Infanterie-Division. Den "Westfeldzug“ beendet die Deutsche Wehrmacht Mitte 1940 siegreich. Im Januar 1941 wird Ernst August Klipp nach Frankreich kommandiert: Er bleibt mit der 340. Infanterie- Division bis Anfang 1942 in Nordfrankreich als Besatzungstruppe stationiert. An der Ostfront Inzwischen hat die Wehrmacht im Frühsommer 1941 den "Ostfeldzug" gegen die Sowjetunion eröffnet, das "Unternehmen Barbarossa". Nach anfänglichen Erfolgen kommt der Vormarsch der deutschen Divisionen an der Ostfront im Winter 1941/1942 ins Stocken und dann zum Stillstand. Überforderung, schlechte Ausrüstung für den Winterkrieg, lange Versorgungswege haben die Kräfte der Truppen überdehnt. Zur Verstärkung der deutschen Truppen an der Ostfront verlegt die Wehrmachtsführung im Westen abkömmliche Einheiten an die Ostfront. Auch die 340. Infanterie-Division mit Ernst August Klipp ist darunter. Im Mai 1942 wird die Division aus Frankreich an die südliche Ostfront verlegt, in die Ukraine, in den Raum Kiew. Von dort geht es im Fußmarsch weiter nach Osten bis an die Front bei Woronesch am Fluss Don. Aus dem Vormarsch der Wehrmacht bis Ende 1941 wird ein mühsames Halten der Frontlinien im Jahr 1942: Seit Dezember 1941 sind die USA an dem Krieg gegen das Deutsche Reich beteiligt. Ihre militärische und vor Allem materielle Macht, die sie der Roten Armee zur Verfügung stellt, bringt die Kräfte aus der Balance und die Deutsche Wehrmacht zunehmend in den Nachteil. Im Januar 1943 fällt Stalingrad an der Ostfront und leitet die Wende des Zweiten Weltkrieges ein. In dieser Zeit muss auch die 340.Infanterie-Division mit Ernst August Klipp ihre Verteidigungsstellungen weiter nördlich bei Woronesch am Don räumen und sich vor der nachrückenden Übermacht der Roten Armee in ständigen Abwehrkämpfen nach Westen zurückziehen.
Im Sommer 1944 bringen zwei militärische Großereignisse die deutsche Wehrmacht an der Ostfront ins Wanken: Zeitgleich mit der Invasion der westlichen Alliierten an der französischen Küste der Normandie greift die Rote Armee den Mittelabschnitt der Ostfront in Weißrussland mit weit überlegenen Kräften an: Sie durchbricht die deutsche Front. Die deutsche Heeresgruppe Mitte bricht zusammen und muss zurückweichen. In der Folge ist auch der südlich anschließende deutsche Frontabschnitt nicht mehr zu halten. Die deutschen Divisionen müssen sich kämpfend zurückziehen. Das gilt auch für die 340. Infanterie-Division (sie ist inzwischen in 340. Grenadier-Division umbenannt) mit ihren Regimentern. Im Juli kommt es zur Einkesselung des deutschen XIII. Armeekorps im Raum Brody in der Ostukraine, nordöstlich von Lemberg. Sechs deutsche Divisionen werden von der an Personal und Material weit überlegenen Roten Armee eingekesselt. Auch die 340. Grenadier-Division mit Ernst August Klipp im Grenadier-Regiment 695 ist unter den eingekesselten Divisionen bei Brody. Er ist inzwischen zum Stabsgefreiten befördert worden, der höchste Mannschaftsdienstgrad der Wehrmacht, und dem Regiments-Stab zugeteilt. Für seine außerordentlichen Verdienste im Krieg wurde ihm das Eisernen Kreuz 2. Klasse verliehen und 1943 zeichnete ihn der Divisions-Kommandeur mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse aus. In Gefangenschaft In einem Ausbruch versuchen die eingekesselten Divisionen am 20. Juli 1944 den Fluss Bug zu erreichen. Es misslingt. Nur wenigen Soldaten können entkommen. Ernst August Klipp ist nicht unter ihnen: Seit dem 17. Juli 1944 wird er von seiner Einheit im Raum der Stadt Kamionka am Bug vermisst. Tatsächlich ist Ernst August Klipp unter den 17.000 deutschen Soldaten, die in diesen Tagen in sowjetische Gefangenschaft geraten. Seit 1943 baut die Sowjetunion in den Gebieten östlich der Front, aus denen die deutsche Wehrmacht zurückgedrängt ist, systematisch Kriegsgefangenenlager auf. Besonders in der östlichen Ukraine, im Donezbecken, ist das seit den Ereignissen des Jahres 1944 der Fall. Hier werden zehntausende deutsche Kriegsgefangene beim Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Kohlezechen, bei der Kohleförderung eingesetzt. Gleiches gilt für die zerstörte Schwerindustrie und das zugehörige Straßen- und Eisenbahnnetz. Der Wiederaufbau des Donbas ist für die Sowjetunion entscheidend für die Fortsetzung des Krieges gegen das Deutsche Reich. Der große Bedarf an Arbeitskräften im Donbas führt zur Errichtung von bis zu 250 sowjetischen Kriegsgefangenenlagern mit je etwa 2000 Kriegsgefangenen, die zentrale Verwaltungen organisieren und für laufende Auffüllung der Arbeitskräfte sorgen. Dazu Kriegsgefangenenhospitäler und Arbeitsbataillone. Eines dieser Lager ist das Kriegsgefangenenlager Nr.100 bei der Stadt Saporoschje im Donbas. Saporoschje war von der Deutschen Wehrmacht von Anfang Oktober 1941 bis Mitte Oktober 1943 besetzt. In dieses Lager wird Ernst August Klipp am 20.8.1944 eingeliefert, 1 Monat nach seiner Gefangennahme. Das Kriegsgefangenenlager Saporoschje liegt etwa 80 km südlich von Dnjepropetrowsk am Dnjpr-Bogen im Donbas. Der Lagerverwaltung in Saporoshje unterstehen etwa 20 Nebenlager und das Hospital 1149. Das gesamte Lager ist mit etwa 30.000 Kriegsgefangenen belegt, die in Großbaracken untergebracht sind. Die Verpflegung der Kriegsgefangenen entspricht in keiner Weise ihrer körperlichen Belastung: 12 Stunden täglich schwere Arbeit in Hochöfen, Walzwerken, bei Bauarbeiten, Erdarbeiten am Stammdamm, Enttrümmerung, im Steinbruch und bei der Holzflößerei.
1939-1944
1944
Heimkehreraussagen: " Die Verpflegung im Donbas von September 1944 bis Dezember 1944 war so gering, daß eine unheimliche Anzahl von Kriegsgefangenen verstorben ist. Es gab 600 Gramm Brot täglich, dessen Empfang zeitweilig unregelmäßig war und mit halbtägiger Verspätung kam, das außerdem sehr feucht war; das andere, 'Suppe' genannt, war Wasser und gab es dreimal am Tage, kalorienmäßig völlig wertlos. So kam es, daß das starke Kaloriendefizit sich ziemlich abrupt auswirkte; nachdem die Reserven aufgebraucht waren, setzte im September 1944 das Sterben ein .. In die dem Lager angegliederten 'Lagerkolchosen' kamen fast ausschließlich körperlich Geschwächte, sogenannte 'Genesungskompagnien'. Die Arbeitszeit war hier unbegrenzt, da sie buchstäblich von Sonnen- aufgang bis Sonnenuntergang zur Arbeit eingesetzt waren. So kam es, daß eine ganze Anzahl von jenen gesundheitlich Geschwächten und zu langdauernder Feldarbeit Herangezogenen körperlich schnell absackte und in schwerkrankem Zustand ins Lagerlazarette eingeliefert wurde. Der Anteil der Schwerkranken war bei der Lagerkolchose um ein Vielfaches höher als im Lager selbst. Hinzu kam als Unterkunft ein alter nach oben nicht abgedichteter Bunker, der durch Feuchtigkeit und Kälte zusätzlich zu Erkältungskrankheiten dieser Geschwächten führte ..." Die Überprüfung der Zustände in den Kriegsgefangenenlagern des Donbas durch russische Kommissionen, der Austausch russischer Lagerkommandanten Ende 1944 bringt eine nur vorübergehende Verbesserung der Ernährung der Kriegsgefangenen. Die mangelhafte "Verpflegung" der Kriegsgefangenen mit ihrem starken Kaloriendefizit bleibt die Haupt- ursache für zehntausende Sterbefälle im Lager, neben Erfrieren, Erschöpfung, Typhus, Tuberkulose und Ruhr ... Begraben werden die Gestorbenen in Massengräbern, Einzelne auch auf dem zum Lagerhospital gehörenden Friedhof. Ernst August Klipp wird nach dem harten Winter 1944/1945 am 29.3.1945 in das Spezialhospital Nr. 1149 des Lagers Saporoschje im Stadtbezirk Ordshonikidse eingeliefert. 2 Tage später stirbt er hier am 31.3.1945. Als Ursache bescheinigt sein Totenzettel Dystrophie 3.Grades: Ernst August Klipp ist verhungert. Er wird auf dem Friedhof des Hospitals beerdigt, Grab Nr.118. Seine Familie zu Hause in Schwalingen erfährt nichts von seinem Tod. In Schwalingen 1949 erreicht die Familie Klipp in Schwalingen ein Brief. Darin erfährt sie von einem früheren Kameraden, dass Ernst August Klipp als Kriegsgefangener im März 1945 in einem russischen Lager an der Ruhr verstorben sei. 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird Ernst August Klipp auf Antrag seines ältesten Bruders Otto Klipp durch Beschluss des Amtsgerichtes Soltau im Dezember 1955 "für tot erklärt". Alle Bemühungen seiner Familie in Schwalingen, seinen Verbleib zur klären, waren vergebens geblieben. Als seinen Todeszeitpunkt setzt das Amtsgericht den 31.12.1945 24.00 Uhr fest. Weitere 6 Jahre später, im April 1961, erhält die Familie Klipp in Schwalingen vom Standesamt Neuenkirchen eine Sterbeurkunde ausgehändigt. Sie zeigt der Familie an , dass Ernst August Klipp am 31.März 1945 "in der Kriegsgefangenschaft in der UdSSR" verstorben ist. Grundlage ist die Mitteilung der "Deutschen Dienststelle in Berlin (WASt Wehrmachtauskunftsstelle) über dieser Kriegssterbefall. Anna Auguste Klipp, geborene Möhrmann, die Mutter von Ernst August Klipp, hat nun, 16 Jahre nach Kriegsende, endgültig Gewissheit über das Schicksal ihres Sohnes. Sie stirbt 82jährig im Juni 1963. Vater Jürgen Peter Christoph Klipp starb mit der bangen Ungewissheit bereis 1 Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Mai 1946 mit 75 Jahren.
1944-1945
1949-1961
Das Denkmal im Heidedorf Schwalingen