Wieder an der Front und Kriegsende
Obwohl ich wegen meiner Verwundung kein Gewehr halten konnte, bin ich dann doch
wieder eingezogen worden. Weg von den Landesschützen und der Gefangenenbewachung
in Grauen. Wir wurden nach Wismar verlegt. Da sollte eine SS-Einheit zusammengestellt
werden, ein Festungsbataillon. Die Städte waren ja alle als Festung ausgebaut worden.
Wir wurden an Granatwerfern ausgebildet. Schon nach 8 oder 14 Tagen kamen wir in den
Stettiner Brückenkopf. Wir gingen in Stettin über die Oder. Da waren noch drei oder vier
Dörfer in deutscher Hand auf der anderen Seite der Oderbrücke, Finkenwalde, Hökendorf
und noch eins, ich weiß den Namen nicht mehr (Brückenkopf Stettin-Altdamm). Wir lagen da in
einer Försterei. Da hat der Russe so viel Druck gemacht.
Ich musste Posten stehen im Wald. Ein Unteroffizier hatte mir befohlen, da und da
hinzugehen. Als die Russen dann anrückten, kriegten wir Befehl, zurückzugehen. Bloß ich
auf meinem Posten im Wald kriegte keinen Befehl.
In einer Tour weg ballerten die Russen ihre Granaten in die Baumwipfel. Die Äste und
Zweige flogen um mich herum und immer auf mich runter, und runter und runter. Da
kann Dir angst und bange bei werden. Ich denk, das wird mir zu heiß hier, raus hier und ab
damit.
Ich bin dann dahin, wo unsere Stellung gewesen war. Aber kein Schwein mehr da! Der
ganze Verein war abgerückt. Aber den Unteroffizier, den hab‘ ich nachher dann fertigt
gemacht, das sag‘ ich Dir! Oh ha! Der hat mich nicht vergessen. Das war eine
Niederträchtigkeit, eine richtige Niedertracht war das von ihm! Die haben bloß zugesehen,
dass sie Land gewinnen.
Aber erst mal war ich ja im Niemandsland, die ganzen Stellungen an der Straße waren
aufgegeben. Da war so ein Tunnel, da bin ich unter durchgegangen. Etwas weiter war ein
Strohhaufen. Mit einmal hör‘ ich, wie die „Stalinorgel“ (russischer Mehrfach-Raketenwerfer,
„Katjuscha“) einsetzt. Das sind immer so 40, 50 Schuss, die dann rausheulen. Ich bin ganz
schnell unter diesen Strohhaufen runter und dann kam das auch schon alles von oben.
Als das endlich vorbei war, musste ich sehen, wie ich weiterkam. Meine Einheit war spurlos
verschwunden. Ich kam dann in einen Ort rein und dachte, Du musst Dich doch irgendwo
melden. Da war eine Sammelstelle und da war auch SS. Und wenn sie wieder einen Trupp
Versprengte zusammenhatten, dann brachten sie sie wieder an die Front zurück. Die
Einheit war ganz egal, Hauptsache Du kamst gleich wieder ganz nach vorn an die Spitze.
Ich marschierte also im Trupp mit den anderen. Und da sehe ich mit einmal auf der
anderen Straßenseite, Mensch: Das sind ja die Kollegen von mir! Ich rief: „Wo kommt ihr
denn her?“ Ich hab mich dann, ohne zu fragen, einfach aus dem Trupp abgesetzt und mich
ihnen angeschlossen. Das war ja meine Einheit. Und da hab‘ ich den Unteroffizier dann
beiseitegenommen. Der hat aber kein Wort mehr zurückgesagt, ne! Er war grad neu
eingezogen worden. Auch so einer von den Älteren.
Unsere haben dann von den letzten Panzern da im Brückenkopf die Motoren auf
Hochtouren laufen lassen und sind zur Täuschung hin und her gefahren. Da hat der Russe
zunächst angehalten.
Das waren doch diese „Tiger VI“, der große „Königstiger“. In Munster stehen sie noch im
Museum. 75 Tonnen schwer. Sie haben keinen beweglichen Turm. Die sind für direkten
Beschuss. Dafür sind die gut, aber nicht als Kampfpanzer.
Und als wir uns dann nach und nach über die Oder nach Stettin zurückgezogen haben, da
hatten wir tagelang nicht geschlafen. Eines Morgens wachte ich auf und dachte: „Das kann
doch gar nicht angehen!“ Ich dachte erst, da wären Häuser, wo vorher gar keine waren.
Aber sie hatten die ganzen Königstiger da aufgestellt, als ich geschlafen hab‘. Ich hab‘
davon nichts mitgekriegt. Das war im April, Schnee hatten wir da schon nicht mehr.
Abends 10 Uhr haben sie dann die Oderbrücke hochgejagt. Das hat den Russen dann
aufgehalten. Aber als er dann rüber war über die Oder, da hat er uns gejagt. Nun ging es
anders herum. Erst hieß es immer: Vorwärts, nach Russland! Und nun hieß es: Zurück,
zurück! Wir konnten nur nachts abrücken. Der Russe kam tagsüber und hat Jagd auf uns
gemacht. Er jagte alles, was sich bewegte. Da waren ja gar keine Einheiten mehr, es war
alles ein Durcheinander.
Ich hab‘ dabei noch 'ne Masse Glück in dem Unglück gehabt.
Da war ein Hauptmann. Das war ein ruhiger Kollege. Die meisten haben sich ja
selbstständig abgesetzt, das war ja wie ein Kessel da. Und diesem Hauptmann hab‘ ich mich
anvertraut, mit ein paar anderen. Wenn wir dann nachts zur Ruhe gekommen sind und
dann hörten, dass das Schießen dichter kam, dann haben wir den Hauptmann geweckt. Er
hatte Zeit für Ruhe und sich sogar die Stiefel ausgezogen. „Herr Hauptmann, wir müssen
weiter, der Russe ist nahe heran!“ Na, er kam dann so allmählich zu sich, zog seine Stiefel
an, ging nach draußen und zog seinen Kompass: Wo müssen wir denn nun hin? „In diese
Richtung“, sagte er dann. Wir sind bei ihm geblieben, bis wir zuletzt nach Bad Kleinen
kamen. Bis dahin hat der Russe uns gejagt.
Bis Bad Kleinen. Das liegt zwischen Wismar und Schwerin in Mecklenburg. Und da stand
schon der Amerikaner, der hat uns in Empfang genommen. Wir kamen in amerikanische
Gefangenschaft und brauchten nicht mehr wegzulaufen. Bei all dem Unglück hab‘ ich
dabei noch Glück gehabt.
Am 2.Mai 1945 bin ich in Gefangenschaft gekommen. Wir mussten dann unsere Waffen
und Ausrüstung abgeben, ne, abschmeißen. Alles kam auf einen großen Haufen. Wir
kamen alle auf eine große Wiese. Da haben wir zwei Tage gelegen.
Die feindlichen Staaten hatten das ja alles festgesetzt. Die Grenze von Deutschland und wie
das alles weitergehen sollte. Roosevelt, Churchill und Stalin, na, die feindlichen Saaten
eben. Bad Kleinen war noch jenseits des amerikanischen Sektors. Und da hat der Russe
bekannt gegeben: Morgen, um die und die Zeit sind wir in Bad Kleinen und alles, was da
ist, „das ist meine!“
Da hat der Amerikaner aber Dampf gemacht: „Raus hier, raus, raus, raus!“ Den Strom
hättest Du sehen müssen. Nicht allein auf den Straßen, auch überall auf den Nebenwegen
und immer nach Schwerin zu, zu Fuß. Nur die Schwerverwundeten kamen auf die Wagen
drauf.
Ich hab‘ mich dann in Schwerin wegen meiner Verwundung im Lazarett gemeldet und bin
da acht Tage geblieben. Aber wegen dem Druck, den der Russe machte, mussten wir dann
auch von da wieder weg. Wir kamen zum Flugplatz von Schwerin.
Mit einmal hieß es, der Russe will Schwerin einnehmen. Aber der Amerikaner muss das
wohl geahnt haben. Der Amerikaner hat so viele Güterzüge eingesetzt. Wo er die alle her
hatte, weiß ich nicht. Der hat die ganzen Gefangenen da raus geholt, tausende Gefangene.
In jeden Waggon kamen 50 Mann rein. Da lagen aber über 30.000 Mann. Wenn ein Zug voll
war, kam der nächste rein. Innerhalb von ganz kurzer Zeit hat er alles nach Holstein
verlegt. Nach Neustadt an der Ostsee, da sind wir wieder ausgeladen worden. In ein
Gefangenenlager vom Engländer. Da wurden wir zu Hundertschaften zusammengefasst.
Wir konnten eigentlich gehen, wohin wir wollten im Lager. Wo sollten wir auch hin, die
Sache war zu Ende. Am 8.Mai war ja die Gesamtkapitulation damals und damit Schluss.
Dann später nach Eutin, da war die Entlassungsstelle. Und von da sind wir dann entlassen
worden. Da hab‘ ich meine Entlassungspapiere gekriegt.
Heimkehr
Am 21.Juni 1945 bin dann wieder nach Hause gekommen. Von Eutin nach Soltau hat die
GSU („German Service Unit“. Entlassene deutsche Soldaten, die unter englischem Kommando als
Arbeitskräfte arbeiteten) uns mit englischen Lastwagen gebracht. Das war wohl die englische
Militärverwaltung. In Neuenkirchen lagen die auch, nach dem Krieg auch noch hier in
Schwalingen.
Von Soltau dann weiter hierher zu Fuß. Zusammen mit Werner Eggers aus Grauen. Wir
beide waren zusammen in Gefangenschaft gekommen und sind zusammen zurück-
gekommen. Er musste ja noch ein wenig weiter nach Grauen.
Für mich war damit der Krieg vorbei.
Ich war natürlich total verlaust. Erstmal die Klamotten runter vom Leib und rein in die
Badewanne. Und dann neue, frische Klamotten an.
Orden und Abzeichen
Für meine Verwundung hab‘ ich das“Verwundetenabzeichen“ bekommen. Das hab‘ ich aber
nicht mehr. Damals bei der Gefangennahme musste ich ja alles abgeben, alle Orden, alle
Ehrenzeichen. Sie waren ja an meinem Rock. Aber eins hatte ich auch Zuhause, die kleine
Anstecknadel. Das „Sturmabzeichen“ („Infanteriesturmabzeichen“ in Silber, verliehen als
„Anerkennung des im Sturmangriff bewährten Infanteristen“. Voraussetzung war, dass der Soldat nach dem
1.Januar 1940 an drei Sturmangriffen, in vorderster Linie , mit der Waffe in der Hand einbrechend, an drei
verschiedenen Kampftagen beteiligt gewesen ist) habe ich auch - und das „Verwundetenabzeichen“
(„Verwundetenabzeichen“ in Schwarz, verliehen für ein- und zweimalige Verwundung).
Das „Eiserne Kreuz“ hab‘ ich nicht gekriegt. Aber da war ein Kollege, der immer mal bei mir
hier war und mich besucht hat. Der kam von Winsen an der Luhe, das war ein Gärtner. Der
sagte: „Es ist doch aber eins für Dich eingereicht worden, das Kreuz. Warum hast Du das
nicht mehr gekriegt?“ Ja, warum, das wusste ich auch nicht. Na ja.“